Im Rückblick wirken Märkte immer einfach. Wenn wir wissen, wie sich die Dinge entwickelt haben, erscheint alles plötzlich glasklar. Und wir denken, dass wir uns damals sicherlich richtig verhalten hätten wenn wir nur noch einmal die Gelegenheit bekämen, in derselben Situation zu investieren.
Im Rückspiegel gibt es keine Verluste. In dieser Sichtweise steigt man rechtzeitig aus, bevor der Markt einbricht, und man weiß genau, wie man den letzten Sturm hätte überstehen müssen.
Der aktuelle Bullenmarkt ist da keine Ausnahme. Heute scheint es selbstverständlich, dass man im April am Tiefpunkt hätte einsteigen und einfach investiert bleiben sollen schließlich war jede Kursdelle im Nachhinein eine Kaufgelegenheit.
Doch diese Gelegenheiten sind im Moment des Geschehens selten so eindeutig. Werfen wir einen kurzen Blick zurück auf den April – eine Phase, die sich für viele Anleger durchaus bedrohlich anfühlte.
Donald Trump regiert mit Dekreten wie es ihm passt. Er setzt Zölle für unzählige Länder fest, nach nicht nachvollziehbaren Kriterien. Unvergessen die Fernsehbilder wo er eine große Tafel mit Ländernamen und Zöllen in die Kameras hält und jeder sich fragte, ob er das tatsächlich ernst meint. Die Ankündigungen der Zölle für Europa, Japan, China, Mexiko – egal ob „befreundetes“ Land oder nicht, führten zu Panik an den Märkten.
Der Euro Stoxx 600 brach innerhalb weniger Tage über 14% ein. Dasselbe galt für den S&P 500. Den Nasdaq traf es noch schlimmer, über 16% ging es runter (alle Werte auf Euro Basis). Auch wenn dies technisch gesehen noch kein Bärenmarkt war, fühlte es sich für viele sehr wohl so an. Die Märkte spielten verrückt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich im April im ICE saß und versuchte, das alles in Echtzeit einzuordnen. Es war eine Phase voller Unsicherheit.
Es war nachvollziehbar warum Anleger einfach nur raus wollten. Das Ende der bekannten Wirtschaftsordnung könnte bevorstehen, politische Allianzen sich komplett verändern, Europa ohne die Hilfe Amerikas dastehen mit dem Aggressor Russland vor der Haustür.
Wer in dieser Zeit seine Aktien behielt oder sogar neu investierte, wurde im Nachhinein für seinen Mut belohnt. Seit der April 2025 Tiefstände sind auf Euro Basis der Euro Stoxx 600 um 17% gestiegen, der S&P 500 um 22% und der Nasdaq 100 sogar um 30%. Auf USD Basis stiegen der S&P 500 um 31% und der Nasdaq 100 um 39%.
Doch die entscheidende Frage lautet: Wie viele Anleger sind im April wirklich investiert geblieben, trotz der enormen Schwankungen?
Professionelle Investoren belächeln Indexfonds und deren Anleger häufig. Sie behaupten, das werde im nächsten Abschwung böse enden. Man müsse nur den nächsten Bärenmarkt abwarten dann würden die „passiven“ Investoren in Panik verkaufen.
Vielleicht stimmt das. Möglicherweise werden einige neue Index-Anleger bei der nächsten Krise nervös und steigen zum falschen Zeitpunkt aus. Panik kennt keine Produktkategorie.
Aber laut einem Bericht des Wall Street Journal waren es gerade die Privatanleger, die still hielten oder sogar dazukauften. Zwar nahm das Handelsvolumen an den besonders schwankungsreichen Tagen deutlich zu. Doch die Zahlen zeigen auch, wie begrenzt diese Reaktionen tatsächlich waren.
In den USA änderten weniger als 3% der 401(k)-Teilnehmer (Altersvorsorge für US Bürger) bei Vanguard ihre Portfolioallokation inmitten der extremen April Volatilität. Über 97 Prozent blieben investiert. Über 97 Prozent haben nichts unternommen. Sie verfolgen einen langfristigen Ansatz.
Dass so wenige Menschen in solch turbulenten Zeiten aktiv eingreifen, ist bemerkenswert – gerade angesichts der lauten Stimmen, die Kleinanlegern mangelnde Disziplin unterstellen. Ich verstehe, warum viele Profis Indexfonds kritisch sehen: es ist nicht einfach, mit hohem Aufwand und tiefgehender Analyse Jahr für Jahr schlechter abzuschneiden als ein einfacher, kostengünstiger Index ETF.
Index ETF-Anleger folgen in der Regel einer sehr einfachen, aber wirkungsvollen Anlagestrategie: geringe Kosten, wenig Aktivität und ein langfristiger Anlagehorizont. Das klingt simpel – ist es aber nicht. Die wahre Herausforderung liegt in der Disziplin, gerade wenn die Märkte fallen.
Es ist durchaus möglich, dass viele neu hinzugekommenen Anleger nicht die gleiche Standfestigkeit haben und bei der nächsten Krise aussteigen werden. Langfristiges Investieren ist eben leichter, wenn die Kurse steigen.
Doch unabhängig davon, welches Produkt oder welche Strategie man nutzt – eines wird jeder Anleger in der nächsten Krise brauchen: Disziplin.

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