Warum verkaufen viele Anleger erst, wenn sie wieder beim Einstandskurs sind?
Ein Kernelement unseres Verhaltens an den Finanzmärkten ist die starke Aversion gegenüber Verlusten – ein zentrales Konzept in der Verhaltensökonomie. Menschen empfinden einen realisierten Verlust oft als deutlich schmerzhafter, als ihnen ein gleich hoher Gewinn Freude bereitet (Verlustaversion).
Ein Phänomen namens Dispositionseffekt beschreibt dieses Verhalten: Gewinne werden schnell mitgenommen, Verluste dagegen ausgesessen.
Anleger verkaufen tendenziell Gewinne zu früh, um das gute Gefühl eines Realisationsgewinns zu erzeugen, während sie Verluste zu lange halten, in der Hoffnung, dass sich das Papierinvestment wieder erholt.
Psychologisch bedienen wir uns mentaler Referenzpunkte (z. B. Kaufpreis): Solange der Kurs unter diesem liegt, betrachten wir den Verkauf als „Verlust“ und empfinden ihn als schmerzlich – selbst wenn das Halten langfristig riskanter sein kann.
Interessanterweise führt Verlustaversion dazu, dass wir bei Gewinnen risikoscheu werden (wir sichern lieber ab), bei Verlusten aber risikofreudiger (wir wollen zurück auf Null) – ein paradoxer Umschwung im Verhalten.
Wer im Minus ist, neigt dazu, riskantere Wetten einzugehen, nur um „wieder auf Null“ zu kommen. Das führt oft zu noch größeren Verlusten.
Wer in einem Loch sitzt, sollte aufhören zu graben.
Wie man besser mit Verlusten umgeht
Wie gelingt es Anlegern, Verluste zu begrenzen und Gewinne laufen zu lassen?
Hier helfen drei Strategien:
Zeit gewinnen: Wer sich Zeit nimmt, schafft Distanz zum ursprünglichen Kaufpreis – das reduziert emotionale Fehlentscheidungen. Reduzieren Sie die Häufigkeit Ihrer Kontrolle Ihres Portfolios, da übermäßiges Monitoring zu Stress und impulsivem Handeln führt. Ein Quartals- oder Halbjahresrhythmus der Kursüberprüfung kann helfen, emotionale Reaktionen zu dämpfen.
Nutzen Sie mentale Distanzierung: Denken Sie nicht ständig in Bezug auf den Kaufpreis, sondern bewerten Sie eine Position im Kontext des gesamten Portfolios oder Ihrer Ziele. Wenn Sie Kursverluste mental nicht isoliert betrachten („diese spezielle Aktie“), sondern als Teil Ihres Gesamtvermögens, fällt der Verkauf leichter.
Delegieren: Lassen Sie einen professionellen Berater, einen Robo-Advisor oder ein automatisiertes System an Ihrer Seite sein – jemand (bzw. etwas), der nicht emotional in der Position steckt und rationaler handeln kann. Automatisierte Strategien (z. B. steueroptimierte Verlustverkäufe) können helfen, rationale Entscheidungen zu treffen. Dabei ist sogar die Wortwahl entscheidend: „Verlust ernten“ klingt besser als „Verlust realisieren“.

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