„Wie stark soll ich mein Portfolio eigentlich diversifizieren?“ – diese Frage begegnet mir in Gesprächen mit Anlegern immer wieder. Die Antwort darauf ist weniger eindeutig, als man vermuten würde. Denn die Möglichkeiten, ein breit aufgestelltes Portfolio zu bauen, sind heutzutage nahezu grenzenlos und genau darin liegt die Herausforderung.
Wer heute investieren möchte, steht vor einem riesigen Angebot: Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe, alternative Anlagen.
Dazu kommen unzählige Auswahlmöglichkeiten innerhalb jeder Kategorie: ETFs, aktive Fonds, Einzeltitel, Large Caps, Small Caps, Wachstums- oder Substanzwerte, entwickelte Märkte oder Schwellenländer.
Dann gibt es immer wieder Marketingaktionen und Trends wie aktuell das Thema „Private Equity für Privatanleger“. Hier wird Anlegern suggeriert, dass PE sinnvoll für Diversifikation und Renditemaximierung sei. Dazu hier mehr.
In dieser Flut an Informationen und Produkten ist es schwer, den Überblick zu behalten und sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
Das Ziel: Nicht zu viel, nicht zu wenig.
Diversifikation dient dazu, unsystematisches Risiko zu reduzieren – also Risiken, die nur einzelne Unternehmen, Branchen oder Länder betreffen. Wer zu wenig diversifiziert, setzt sich größeren Schwankungen aus. Doch zu viel Diversifikation kann ebenfalls problematisch sein: Es entsteht unnötige Komplexität, die Übersicht geht verloren, und man zahlt möglicherweise höhere Gebühren, ohne dass sich die Risikostruktur wirklich verbessert.
Ein häufiger Fehler ist Risikoerhöhung durch übermäßige Diversifikation: Anleger kaufen im Laufe der Jahre immer neue Fonds oder ETFs, weil sie gerade im Trend liegen. Es entstehen Klumpenrisiken, da verschiedene ETFs dieselben Einzelunterhemen stark gewichtet haben und Anleger genau diese Unternehmen auch noch als Einzelwerte im Portfolio halten.
Am Ende hält der Anleger ein unübersichtliches Sammelsurium – ohne Strategie, ohne klare Struktur.
Diversifikation braucht klare Kriterien.
Ein Grundprinzip für ein sinnvolles Portfolio lautet: Jede Position im Portfolio sollte eine nachvollziehbare Funktion erfüllen. Anleger sollten sich bei jeder Anlageklasse, jedem Fonds oder Wertpapier fragen: Warum halte ich das? Was trägt es zur Stabilität und zum Ertrag meines Portfolios bei? Wie wird es sich in verschiedenen Marktszenarien entwickeln?
Wichtige Kriterien für eine sinnvolle Diversifikation sind:
- Unabhängigkeit: Anlageklassen sollten sich in unterschiedlichen Marktsituationen unterschiedlich verhalten. Die Korrelation darf nicht zu hoch sein.
- Risikostruktur: Unterschiede in Geografie, Sektor, Unternehmensgröße, Anlageform oder Zahlungsstruktur (z. B. Zins vs. Dividende) sorgen für Ausgleich im Portfolio.
- Langfristige Renditeerwartung: Jede Anlageklasse sollte langfristig eine positive, inflationsbereinigte Rendite erwarten lassen.
Muss es kompliziert sein?
Nein. Ein gut strukturiertes Aktien-Anleihen/Geldmarkt-ETF Portfolio kann für viele Anleger völlig ausreichen – einfach, kostengünstig und verständlich.
Hier werden marktbreite Aktien-ETFs mit Anleihe- und Geldmarkt-ETFs kombiniert. Die jeweilige Gewichtung hängt vom individuellen Anleger ab, seinen Analagezielen, seiner Risikobereitschaft und Lebenssituation.
Das Prinzip der Diversifikation ist für alle Anleger dasselbe, das konkrete Portfolio hingegen ist immer individuell.
Wer Zeit und Wissen mitbringt, kann auch gezielter in Unterkategorien investieren und z. B. innerhalb der Aktienmärkte nach Regionen, Marktkapitalisierungen oder Anlagestilen diversifizieren.
Aber: Je komplexer ein Portfolio wird, desto wichtiger ist es, diese Komplexität aktiv zu managen. Breite Diversifikation funktioniert nur dann wirklich gut, wenn man in der Lage ist, in schwachen Marktphasen bewusst in schlecht performende Bereiche zu reinvestieren – also antizyklisch zu handeln. Das gelingt emotional nicht jedem.
Es gibt kein perfekt diversifiziertes Portfolio.
Diversifikation ist kein mathematisch perfekter Zustand. Es gibt keine ideale Anzahl an Positionen. Wer diversifiziert, muss akzeptieren, dass es immer Bereiche im Portfolio geben wird, die gerade enttäuschen. Wenn nichts im Depot dabei ist, das aktuell unterdurchschnittlich läuft, ist man vermutlich nicht breit genug aufgestellt.
Diese Erkenntnis sollten Anleger mitnehmen: Das sicherste Anzeichen für sinnvolle Diversifikation ist, dass sich ein Teil des Portfolios gerade schlecht anfühlt – und das ist völlig in Ordnung.

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